Ausgabe 109 | Seite 1 5. Juli 2009 AD
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Seyd gegrüßt
werte Bürgerinnen und Bürger!

Letzte Woche war ich in unserem beschaulichen Städtchen unterwegs, einige Besorgungen zu machen. Noch während ich dem Krämer die Taler und Pfennige auf den Tresen zähle, hebt draußen mit einem Male ein lautes Johlen, Pfeifen und Singen an untermalt - oder übertönt - von den dumpfen Bässen eines Rhythmus, schneller noch und spürbarer, als wenn unsere Dorfkapelle zum Tanz aufspielt.
Allenthalben sehe ich ratlose Gesichter, doch einige wissen Bescheid und klären auf: "Heute waren die mündlichen Prüfungen!"



AHA!?!


Als ich vor die Tür trete, offenbart sich mir ein Bild, dass eher an Karneval als an Schulabschlussfeierlichkeiten erinnert. Zunächst fährt langsam vorbei ein Stadtbüttel, mit der roten Flagge schwenkend die Gaffer beiseite winkend. Es folgt ein langsames Gespann mit einem offenen Wagen, auf dem große schwarze Kisten einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen. Habe ich zuerst noch eine Art Melodie gehört, spüre ich jetzt, auf gleicher Höhe mit dem Wagen, nur noch dumpfe Schläge, die unter mir das Pflaster zum beben bringen, als klopfe der Unheilige in seiner Hölle mit einem gewaltigen Besen von unten, um für Ruhe zu sorgen.

Als ich wieder einigermaßen festen Halt gefunden, das Klingen in den Ohren abgeklungen und die Lungen wieder frei atmen können, zieht an mir die Schar der Schüler, die offensichtlich wider Erwarten der Lehrer und Eltern das schier unmöglich geschafft haben, an mir vorüber. Viele sind es nicht, vielleicht fünfzig, dafür machen sie einen Lärm wie fünfhundert. Gekleidet in schreiend bunte Gewänder und ausgerüstet mit einer Art Arkebuse, aus der sie Wasser auf sich und die Umstehenden verschießen, johlen und lärmen sie an mir vorüber, als müßten sie irgendwelche über Jahre aufgestauten Energien ablassen.

Mit etwas Sicherheitsabstand folgt wieder ein Stadtbüttel und hinter ihm schließen sich die Massen der Schaulustigen und auf dem nassen Pflaster hält wieder die Normalität Einzug. Nur in der Ferne ist noch ein dumpfes, auf- und abschwellendes Dröhnen zu hören.

Ein wenig wehmütig muß ich da meine Schulzeit zurückdenken: Vor der Schule mußte ich mithelfen, Kühe zu melken, nach der letzten Stunde ging es gleich auf's Feld. Am Tage der mündlichen Prüfung brauchte ich ausnahmsweise nicht die Kühe zu melken, damit mein Sonntagsanzug nicht so nach Stall roch und eventuell die Notengebung negativ beeinflußte. Einen Umzug und ausgelassenes Feiern gab es nicht. Zuhause kredenzte mir mein Vater zur Belohnung einen Krug Bier. Danach ging es gleich zur Heuernte. Meine Fahrt mit dem vollbeladenen Leiterwagen in Schlangenlinien durch das Dorf wird von den älteren Dorfbewohnern auch heute noch zu jedem Anlaß immer wieder gerne erzählt.

Liebe Noch-Schüler. Genießt die Schulzeit, auch wenn ihr manchmal noch so fluchen mögt auf die Penne. Vielen anderen Kindern und jungen Menschen erging und ergeht es weitaus schlimmer. Auch der Berufsalltag läßt euch bei weitem nicht so viel Freizeit und Freiheit, wie die Schulzeit. Glaubt's mir.

Eure
Tagblatt-Redaktion






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